»Nicht essen. Ich reden.«

von Michael Dahlinger (Kommentare: 0)

Pfarrer Michael Dahlinger schildert seine persönlichen Eindrücke vom zweiten kostenlosen Mittagessen im Lutherhaus.

Freude die überspringt. Ein bewährtes Helferinnenteam sorgte beim zweiten kostenlosen Mittagessen für volle Teller und satte Glücksgefühle bei den Gästen. Von links nach rechts: Irene Ritzert, Almut Lansche, Ortun Blattner, Silvia Dauksys und Petra Zizman

»Ich nicht essen. Ich reden«. Die ältere Frau steht unten im Foyer des Lutherhauses. Ob sie denn keinen Hunger mitgebracht hätte, fragt Matthias Rothe, der mit mir die Gäste empfängt. Nein, eigentlich habe sie keinen Hunger. Sie wolle nur mit jemanden deutsch reden. »Kein Problem«, reagiere ich. »Dann gehen sie erst mal hoch, suchen sich einen Platz und später komme ich und rede mit ihnen auf deutsch.« Dann steigt die Frau die Treppen zum Speisesaal nach oben.
Ganz unterschiedliche Gründe höre ich von den Menschen, die sich auf den Weg zum Lutherhaus machten. Die einen kommen, weil sie bereits schon mal da waren. Die einen oder anderen erkenne ich wieder. Das erste Mittagessen muss ihnen also gut getan haben, denke ich. Andere trauen sich erst jetzt. Endlich, denke ich, ist bei denen auch der Groschen gefallen. »Ihr nehmt anderen weder Platz noch Essen weg, ihr gehört doch dazu«, ergänzt Matthias Rothe und schickt sie Richtung Essen. »Und nur keine Angst, wir haben genügend Plätze und reichlich Essen.« Wie abgesprochen kommen in dem Moment zwei Helfer und tragen weitere Tische in den Saal.

Jetzt gehe ich nach oben. Mein Blick fällt auf jede Menge Menschen, die essen, trinken, sich unterhalten, einen Nachschlag holen. Mir fällt das Brettspiel »Cafe International« ein. Nur die Bar fehlt. Das Helferteam ist bei der Essensausgabe und beim Spülen gut zu Gange. Wie gut, denke ich, dass ich mich da auf die Ehrenamtlichen verlassen kann. Und bin auch beruhigt, dass wir mit Mario Böhm und seinem Team einen wichtigen Partner gewonnen haben.
So, nun muss ich aber mal zu der Frau, die deutsch reden möchte. Ich entdecke sie an einem Tisch. Sie hat tatsächlich einen Platz für mich freigehalten. Und obwohl sie nur reden und nicht essen wollte, sehe ich, wie sie die letzten Bissen des leckeren Gulasch genießt. Beim Kaffee erzählt sie mir dann, in deutsch und mit Hilfe von Google-Translate. Sie stammt aus Charkiw, lebte eine zeitlang in Lwiw, also Lemberg. Daher kann sie auch ein wenig deutsch. Jetzt lebt sie in einer Hockenheimer Flüchtlingsunterkunft.  Die Decke fällt ihr auf den Kopf. Ihre Familie ist in ganz Europa verstreut. Einziger Kontakt: das Smartphone.
Ich wandere weiter zum nächsten Tisch. Drei ukrainische Familien, die schon das letzte Mal da waren. Heute tauen sie etwas auf. Ich komme mit den Männern ins Gespräch. Sie erzählen mir, dass sie gerade einen Deutschkurs besuchen. Noch habert es an Deutschkenntissen und wieder mal muss das Handy übersetzen. Sie wollen nicht in eine zerstörte Ukraine zurück und basteln an einer auch beruflichen Zukunft hier.

Nächster Tisch. Zwei ältere Hockenheimer Damen. Also, die, die einen etwas längeren Anlauf brauchten. Sie erzählen mir ein wenig aus ihrem Alltag und sie geben mir als Pfarrer mit auf den Weg: gut, dass unsere Kirchengemeinde so etwas macht. Und sie sind froh, dass sie sich getraut haben. Wenn die beiden jetzt noch bei der älteren Frau aus Lemberg sitzen würde, dann wäre das doch perfekt. Laut sage ich: »Das nächste Mal sind doch sicherlich wieder dabei.« Kopfnicken.
Allmählich leert sich der Saal. Auch ich stehe auf. Ich schaue noch bei den Helfenden vorbei. Bedanke mich für ihren Dienst. Auch sie sind zufrieden. Manche nehmen sich jetzt ein wenig Zeit für sich selbst und machen sich über die Reste her.
Am Ausgang steht eine Frau mit zwei Jungs. Sie ist aus dem Iran geflohen. Spricht nur Persisch. Die beiden Jungs schauen mich mit großen Augen an. Nach einigem deutsch-persischen Hin und Her, hab ich es kapiert. Die beiden wollen unbedingt Fahrräder. Ich muss sie vertrösten, nehme mir aber vor, ihren Wunsch nicht zu vergessen.

Ich bin auf dem Nachhauseweg. Ja, denke ich. Heute hat mir mein Beruf als Pfarrer mal wieder Freude bereitet. So wünsche ich mir eine Kirchengemeinde. Eine lebendige Kirchengemeinde, die sich nicht um ihre eigenen Befindlichkeiten dreht, sich nicht in Gremiensitzungen zu Tode sitzt, sondern ihre Aufgabe ernst nimmt und sich für Menschen öffnet und da ist.

Ich freue mich schon auf das nächste kostenlose Mittagessen am 19. März. Ich bin sicher, Mario Böhm wird uns wieder mit seinen Kochkünsten unterstützen. Ein Team aus Ehrenamtlichen wird da sein. Vielleicht denke ich, vielleicht sollten die Konfis das nächste  Mal mitmachen. Dann könnten sie mal live erleben, was Jesus wichtig war: das die unterschiedlichesten Menschen an einem Tisch mit einander essen, trinken und reden.

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